Wenn wir Angst haben

Wenn wir Angst haben

Wenn wir Angst haben

 

In den vielen Jahren des Unterrichtens sind mir immer wieder dieselben Probleme begegnet, mit denen sich meine Kundinnen und Kunden konfrontiert sehen. Wie ein Dejà-vu – jedes Jahr wiederkehrend. 

 

Eines dieser Probleme ist so anspruchsvoll und komplex, dass ich mir eigens für deren differenzierte Auseinandersetzung Zeit nehmen möchte.

 

Es geht um die Angst – wenn Kundinnen und Kunden Ängste auf dem Motorrad verspüren. Schon unzählige Fahrschülerinnen und Fahrschüler sind daran gescheitert und haben ihre Ausbildung nicht beendet. Man könnte schnell denken, das beträfe nur Frauen (warum eigentlich?!), aber dem ist nicht so. Ich könnte hier nun eine auf Genderfragen basierte Diskussion starten (z.B. «verschweigen Männer eher die Angst?», usw.), dies würde jedoch sowohl den Rahmen dieses Eintrags sprengen als auch den Kern der eigentlichen Thematik verfehlen. Fakt ist: Egal ob Mann oder Frau, ob offensichtlich ängstlich oder gekonnt überspielt – erkennen tue ich die Angst meiner Kundinnen und Kunden immer.

 

Sei es Angst vor der Schräglage (im Übrigen der wohl komplexeste oder herausforderndste Faktor, da fundamental beim Motorradfahren), dem Kreisfahren oder der Notbremsung; jeder hat irgendwo seine Ängste, Bedenken oder Zweifel. Übrigens nennen es Männer oft «Respekt» statt Angst (so als kleine Anekdote zum eben Erwähnten).

 

Jeder kennt es, jeder hat es schon einmal erlebt, und zwar nicht nur in Bezug auf das Motorradfahren. Ängste sind facettenreich und es ist schwer vorauszusagen, was sie mit uns machen werden. Es gibt Menschen, die man pushen kann, die daraus Mut schöpfen und die Übung versuchen, andere werden von diesem Druck gelähmt, machen keine Fortschritte oder lassen es gleich ganz bleiben – oft aufgrund des Gefühls von Überforderung. Einige hegen Selbstzweifel («ich bin unfähig»), andere sehen das Problem beim Fahrlehrer. Es ist immer einfacher, die Schuld bei jemand anderem zu suchen. Man lenkt so von seinem Problem ab und übernimmt weniger Verantwortung. An dieser Stelle sei gesagt, dass die Schuldfrage hier sowieso fehl am Platz ist. 

 

Ängste sind komplex und die Wege zum Fortschritt brauchen Zeit. Ein Wechsel des Fahrlehrers scheint oft die einfachste Lösung, denn man macht im Kopf einen Reset. Die Probleme bleiben jedoch dieselben. Natürlich gibt es solche Fälle und ein Wechsel hilft in der Tat, aber nicht weil der neue Fahrlehrer etwas Neues erzählt oder beobachtet. Ab und zu muss jemand anderes genau dasselbe sagen, damit wir an uns glauben und Vertrauen finden. Dies habe ich oft miterlebt. Ich kenne die Fahrlehrerschaft gut und weiss, wie gearbeitet und unterrichtet wird. Darum ist mir bewusst geworden, dass ich nichts anders mache als meine Fahrlehrerkolleginnen und -kollegen. Es braucht manchmal eine andere Person, die das Gleiche auf dieselbe (oder eine andere) Weise erzählt. Die Angst geht zurück und man kommt weiter, auch wenn es oft sehr viel Zeit braucht. Selbstverständlich spielt der Unterrichtsstil sowie eine ganz natürliche Sympathie respektive Antipathie mit eine Rolle. Meine langjährige Erfahrung zeigt jedoch, dass dies im Rahmen der Thematik «Angst» keinen wesentlichen Faktor darstellt.

 

Von absoluter Notwendigkeit ist ein lernfreundliches Umfeld. Oft behindernde Faktoren können sein:

 

  • Ein Grundkurs mit vier anderen Fahrschülern oder das Manövergelände der MFP in Münchenstein ist oft nicht ganz ideal. 
  • Ein Lebenspartner kann schnell ungewollt Druck ausüben. 
  • Nur noch wenige Monate bis der Lernfahrausweis abläuft wird dir den Schlaf rauben.

 

Setze dir realistische Ziele bezüglich deiner Ängste (Probleme) und hinsichtlich Zeit sowie jeweiliger Thematik. Nicht alles auf einmal oder in (zu) kurzer Zeit. Lieber kleine Fortschritte als keine.

 

Sei dir bewusst, dass Druck oder Ängste deine Leistung negativ beeinflussen können: Klappt eine Übung alleine zwar gut, mag sie in der Fahrstunde misslingen. Enttäuschung und Unzufriedenheit sind die Folge. Gib aber nicht so schnell auf, sondern erachte es als Bestätigung, dass du die Übung (z.B. einen koordinativ komplexen Bewegungsablauf) verstanden hast und dein Körper sie umsetzen kann, das Ganze aber noch nicht automatisiert ist. Es braucht in diesem Fall noch viele Wiederholungen. Ein einmal automatisierter Bewegungsablauf wird denn auch durch Angst nahezu nicht mehr beeinflusst. Gib dir daher für alles, das du lernst, genügend Zeit.

 

Sei dir ausserdem bewusst, dass niemand dir die Angst nehmen kann. Nur du selbst bist dazu in der Lage. Hierfür ein Beispiel:

 

Du stehst auf einer Brücke, du bist für einen Bungee-Sprung vorbereitet. Alle um dich herum schauen zu. Du hast Angst und kannst nicht springen. 

 

Jemand läuft auf dich zu und schreit: «Spring!» 

Jetzt rufen alle: «Spring!»

 

Wirst du nun weniger Angst vor dem Sprung haben? Die Antwort ist «Nein».

 

Auch wenn X Menschen dir sagen, dass du vor dem Sprung keine Angst haben müsstest und es «einfach sehr toll» wäre, wird das beklemmende Gefühl bleiben. Allerdings wirst du dich mit grosser Wahrscheinlichkeit dazu motivieren und überwinden zu springen. Sei es, weil der Sprung bereits bezahlt ist, du jemanden nicht enttäuschen willst, dir selbst dieses Ziel schon lange gesetzt hast usw. Motivation ist der Antrieb, auf den du immer wieder zurückgreifen musst – auch nach einer Niederlage und auch wenn du dir das alles doch eigentlich viel einfacher vorgestellt hattest.

 

Wenn du also motiviert und nicht gerade mit zwei linken Händen und Füssen auf die Welt gekommen bist, du ein Motorrad entsprechend deinem Niveau besitzt und auch noch genügend Zeit mitbringst, dann kannst du (und damit ist Jede und Jeder gemeint) deine Ängste überwinden.

 

Ride safe

Marcelo

 

derfahrlehrer.ch
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Marcelo

Geschrieben von : Marcelo

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